# Blues-Messe Samariterkirche: Wo Jugendliche die DDR herausforderten
In der Samariterstraße 27 in Friedrichshain steht eine Kirche, die mehr ist als ein Gotteshaus. Die Samariterkirche war in den frühen 1980er Jahren ein ungewöhnlicher Ort des Aufbegehrens – hier trafen sich Hunderte, später Tausende junger Menschen aus der DDR, um Musik zu hören, die der Staat eigentlich nicht dulden wollte. Die sogenannten Blues-Messen, die 1979 hier begannen, gelten heute als eine der Keimzellen der Friedlichen Revolution von 1989.
Wie die Blues-Messen entstanden
Es war Pfarrer Rainer Eppelmann, der zusammen mit Günter Holly Holwas die Blues-Messen ins Leben rief. Die erste Veranstaltung fand 1979 statt – und bereits damals kamen rund 250 Jugendliche in die Samariterkirche. Das war für die damaligen Verhältnisse bemerkenswert. In der DDR gab es kaum legale Räume, in denen sich junge Menschen abseits der staatlich kontrollierten Strukturen treffen konnten. Jugendclubs, Konzerte, Freizeitangebote – all das war in irgendeiner Form von Partei und Staat organisiert und überwacht. Die Kirche hingegen bot einen anderen Status: Sie war kein staatsfreier Raum, aber sie genoss eine gewisse Eigenständigkeit, die nirgendwo sonst in der DDR in dieser Form existierte.
Eppelmann nutzte diesen Spielraum. Er kombinierte Rockmusik und Blues mit dem kirchlichen Rahmen und schuf damit etwas, das es in der DDR nicht gab: ein Forum für Jugendliche, die sich weder mit dem System arrangierten noch wussten, wohin mit ihrer Energie und ihrem Unmut. Die Musik war dabei nicht Selbstzweck. Sie war Vehikel – für Gespräche, für das Erleben von Gemeinschaft, für das stille oder auch lautere Bekenntnis, anders zu sein als der Staat es wollte.
Wachstum und Verlagerung
Was in der Samariterkirche begann, wuchs schnell über deren Mauern hinaus. Die Nachfrage nach den Veranstaltungen stieg so stark, dass größere Räume gebraucht wurden. Die Blues-Messen wurden in die Auferstehungskirche verlegt, wo bis 1986 bis zu 7.000 Menschen pro Veranstaltung zusammenkamen. Diese Zahl macht deutlich, welchen Nerv die Messen getroffen hatten. In einem Land, in dem Massenveranstaltungen streng kontrolliert und für politische Zwecke inszeniert wurden, war das Zusammenströmen von Tausenden ohne staatlichen Auftrag ein stilles, aber unmissverständliches Signal.
Die DDR-Behörden beobachteten die Entwicklung mit Argwohn. Es heißt, dass der Staatssicherheitsdienst präsent war, Berichte über die Veranstaltungen verfasst und Teilnehmer überwacht wurden. Eppelmann selbst stand unter permanentem Druck. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – blieben die Blues-Messen ein Anziehungspunkt für eine ganze Generation junger Ostdeutscher, die hier etwas erlebten, das sie nirgendwo sonst fanden.
Harald Hauswald und die Bilder einer Generation
Ein wichtiges Zeugnis dieser Zeit sind die Fotografien von Harald Hauswald. Der Berliner Fotograf dokumentierte das Leben in der DDR auf eine Weise, die offiziellen Darstellungen fundamental widersprach. Seine Bilder zeigen Menschen, nicht Paraden. Sie zeigen Alltag, Subkultur, Widerspruch. Hauswald fotografierte auch die Blues-Messen und hielt damit fest, was sonst kaum dokumentiert worden wäre: die Gesichter, die Stimmung, das Lebensgefühl einer Jugend, die sich in den Räumen der Kirche ihre eigene Öffentlichkeit schuf.
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Hauswald ist Mitbegründer von OSTKREUZ – Agentur der Fotografen, die nach der Wende (1990) entstand. Seine Arbeit aus der DDR-Zeit gehört zu den wichtigsten fotografischen Dokumenten dieser Epoche. Wer mehr über sein Werk erfahren möchte, findet in Friedrichshain auch direkt vor Ort Anknüpfungspunkte.
Die Samariterkirche als Ort der Geschichte
Die Samariterkirche selbst ist ein Backsteinbau im neugotischen Stil, der zum Stadtbild der Samariterstraße gehört. Wer heute durch das Viertel läuft, passiert sie vielleicht ohne weiter nachzudenken. Aber der Ort trägt eine Geschichte in sich, die eng mit dem verbunden ist, was 1989 in der DDR geschah. Die Friedliche Revolution hatte viele Wurzeln – politische, soziale, ökonomische. Aber sie hatte auch kulturelle Wurzeln, und die Blues-Messen gehören dazu. Hier wurde etwas erprobt, das später auf den Straßen sichtbar wurde: das Beharren auf einem Leben jenseits staatlicher Kontrolle.
Rainer Eppelmann selbst wurde nach der Wende Politiker. Sein Weg von der Samariterkirche in die Politik ist kein Zufall. Er steht für eine Kontinuität: Das, was in den Blues-Messen begann, fand 1989 seinen Ausdruck in einer Gesellschaft, die sich selbst ermächtigte.
Was gibt es zu sehen und zu erleben
Die Samariterkirche in der Samariterstraße 27 ist von außen jederzeit zugänglich – das Gebäude prägt den Straßenraum und lässt sich gut in einem Spaziergang durch das Viertel einbinden. Wer sich tiefer mit der Geschichte der Blues-Messen und der DDR-Subkultur befassen möchte, sollte außerdem das Jugendwiderstandsmuseum in der Nähe besuchen. Es widmet sich genau jenen Formen jugendlichen Aufbegehrens, von denen die Blues-Messen ein zentrales Beispiel sind.
Auch die Auseinandersetzung mit dem fotografischen Werk von Harald Hauswald lohnt sich – seine Bilder zeigen nicht nur die Blues-Messen, sondern die gesamte Bandbreite des Lebens in Ost-Berlin und der DDR.
Praktische Hinweise
Adresse: Samariterstraße 27, 10247 Berlin
Anfahrt: Mit der U-Bahn über die U5, Haltestelle Samariterstraße – die Kirche ist direkt erreichbar oder mit der Straßenbahn Haltestelle James-Hobrecht-Straße.
Hotels in der Nähe:
– Pension Kaffeefreunde
– Hotel-Pension Insor
– Urbn Dreams III – Two-Bedroom Apartment
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- Samariterkirche – Der Ort selbst, in dem die Blues-Messen stattfanden, verdient einen eigenen Blick: Architektur, Gemeindeleben und Geschichte des Gebäudes.
- Jugendwiderstandsmuseum – Das Museum dokumentiert jugendlichen Widerstand in der DDR und bietet den historischen Kontext, in dem die Blues-Messen zu verstehen sind.
- Harald Hauswald und Fotoagentur Ostkreuz – Hauswalds Fotografien sind ein unverzichtbares Zeugnis der Epoche. Die Fotoagentur Ostkreuz, die er mitgründete, hat ihren Sitz ebenfalls in Berlin.
