Steffen Belz

Steffen Belz (01) – Grafikdesigner und Werbeagenturinhaber

Kurz & Knackig

Name: Steffen Belz
Wohnort: Werder (Havel)
Verhältnis zu Friedrichshain: Ehemaliger Bewohner des Samariterkiezes, heute eher beruflich verbunden und immer wieder gern im Kiez unterwegs
Betreibt: perviam.de und die-friedrichshainer.de


Was machst Du so?

Ich bin verheiratet, habe einen Sohn und führe seit 2000 eine Werbeagentur – schön+bunt – in Werder (Havel). In meiner Freizeit fahre ich gern Fahrrad, plane unsere Urlaubsreisen, gärtnere gerne und betreibe zwei Webportale: perviam.de und die-friedrichshainer.de.


Wann warst Du das erste Mal in Friedrichshain – und woran erinnerst Du Dich?

Das erste Mal war ich in den 80er Jahren in Friedrichshain – ich war ungefähr zwölf Jahre alt. Wir fuhren mit dem Trabant vom Alexanderplatz Richtung Schöneweide, wo mein Opa lebte. Ob es früh am Morgen oder spät abends war, das weiß ich nicht mehr genau. Aber die endlos lange Mauer in der Mühlenstraße bleibt mir in Erinnerung. Nur die Straßenlaternen leuchteten und gaben den Blick auf den Beton frei. Dass hinter der Mauer noch eine Mauer war – das wusste ich damals nicht.

Jahre später, Ende der 90er, bin ich mit meiner damaligen Freundin in den Samariterkiez gezogen. Genauer gesagt in die Bänschstraße. Das Viertel war bereits Sanierungsgebiet und viele alte Wohnungen wurden von neuen Mietern bezogen. Das war der Anfang der Gentrifizierung und des Wandels im Bezirk – und ich war mittendrin.


Wo in Friedrichshain würdest Du jemanden hinbringen der noch nie hier war – und was soll diese Person dort erleben?

Ganz so einfach ist die Frage für mich nicht – es gibt mehrere Orte. Den Mont Klamott zum Beispiel, oder die Kneipe Kasiske, die es leider nicht mehr gibt. Aber am ehesten würde ich jemanden in die Samariterkirche bringen.

Nein, ich bin nicht gläubig. Aber diese Kirche hat eine bewegte Geschichte und ist deshalb für mich ein besonderer Ort in Friedrichshain. Ich hatte das Glück, dort Menschen kennenzulernen und mit ihnen gemeinsam die 111-Jahrfeier der Kirche, die Kiezweihnacht und das 25-jährige Jubiläum der Blues-Messe zu gestalten und zu organisieren. Günter (Holly) Holwas, Rainer Eppelmann, Lorenz Postler, Edeltraut Pohl u.v.a.m. haben mich mit ihren Geschichten sehr geprägt – und schwer beeindruckt.


Was überrascht Dich an Friedrichshain immer noch – oder immer wieder?

Am meisten überrascht mich der rasante Wandel im Bezirk. Ich wohne seit 2009 nicht mehr im Kiez – war seitdem natürlich beruflich und privat immer wieder in der Stadt – aber der Wandel ist schon extrem. Das mache ich nicht nur am Stadtbild fest, sondern auch an den Menschen. Das vertraute nachbarschaftliche Umfeld weicht zunehmend einer Besucherkultur, die laut und flüchtig ist.

Aktionen wie Baumscheiben-Patenschaften, Leseabende oder Kiezfeste sind seltener geworden. Kiezgeschäfte gibt es natürlich noch – aber irgendwie stimmt das Verhältnis zwischen vielfältigem Angebot außerhalb der Gastronomie und echter Verweildauer nicht mehr ganz. Eine Pause vor der nächsten großen Veränderung würde den Kiezen gut tun.


Was hat sich in Friedrichshain verändert das Du vermisst – oder ausdrücklich nicht vermisst?

Was ich vermisse ist die ursprüngliche Kneipenkultur. Kasiske, Leander, Bloona, Feuermelder, Tagung oder Krüger Eck sind nicht mehr ganz so kultig wie früher. Auch wenn man hier und da wieder rauchen darf – der stereotypische Gast mit seinem Feierabendbier weicht zunehmend einem Gast auf der Durchreise. Die Gespräche sind deshalb nicht weniger interessant, sie sind eher unberechenbarer und fremd. Der vertraute Nachbar kommt nicht mehr. Ob aus Kostengründen oder weil er sich nicht mehr wohlfühlt – das weiß ich nicht.

Nicht vermissen werde ich den grau-schwarzen Schnee im Winter und die tausenden Kachelöfen in den Altbauwohnungen – und den damit verbundenen Geruch.


Was würdest Du als erstes tun wenn Du morgen für einen Tag bestimmen könntest?

Ich würde alle verfügbaren Grundstücke kaufen die noch zu haben sind – und sie als offene Räume den Menschen zur Verfügung stellen. Nachbarschaftsläden, Jugend- und Kindereinrichtungen, Vereine – all das soll einen Platz finden. Sozio-Kultur ist nachhaltig und bringt dem Bezirk mehr als die Mieteinnahmen der Immobiliengesellschaften.

Dann natürlich ein Verkehrskonzept das alle gleichberechtigt miteinander nutzen können. Amsterdam, Kopenhagen, Barcelona machen es vor. Ohne Schuldzuweisungen – sondern mit der klaren Botschaft eine lebenswerte Stadt für die Zukunft zu gestalten. Nicht halbherzig, sondern durchdacht und mit gutem Willen aller Interessengruppen.

Und als letztes: mehr grüne Oasen schaffen. Jede Betonierung und Versiegelung aufbrechen und begrünen.


Lose Enden

Friedrichshain in drei Wörtern: Laut, bunt, kreativ.

Ein Ort den Du nie wieder betreten würdest: Matrix.

Ein Ort den Du nie verlassen möchtest: Kasiske – auch wenn es ihn nicht mehr gibt. In meiner Erinnerung verlasse ich DIE Kneipe nie.

Was liegt auf Deinem Nachttisch? Ein Smartphone das nachts eigentlich aus sein sollte.

Ein verborgenes Talent: Fotografieren.

Drei Wünsche:

  1. Für Friedrichshain: die alte Toleranz und Gelassenheit.
  2. Für mich: mehr Zeit für die-friedrichshainer.de.
  3. Für andere: sozio-kulturelle Räume – für immer.

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